Mann in dunklem Anzug und weißem Hemd vor einer Stadtlandschaft mit Hochhäusern

INTERVIEWREIHE GLOBAL OPERATIONS FOOTPRINT

Standortaufbau in China – Christoph Hupays

In diesem Interview mit Christoph Hupays steht der Aufbau und die strategische Weiterentwicklung von Standorten in China im Mittelpunkt – von der Standortwahl und dem Werksaufbau über die Zusammenarbeit mit Behörden und lokalen Partnern bis hin zur Integration lokaler Lieferketten und dem Umgang mit geopolitischen Risiken. Dabei wird deutlich, wie sich China vom reinen Produktionsstandort zu einem zentralen Innovations- und Wettbewerbsfaktor für internationale Industrieunternehmen entwickelt hat.

Die Interviewreihe »Global Operations Footprint« beleuchtet die zentralen Fragestellungen rund um internationale Produktions- und Standortstrukturen. Im Fokus stehen die Perspektiven erfahrener Führungskräfte, die ihre Ansätze, Entscheidungslogiken und praktischen Erfahrungen aus der Steuerung globaler Netzwerke teilen.

Portrait von Christoph Hupays

Zur Person: Christoph Hupays

Experte für den Aufbau, die Skalierung und die Leitung komplexer Industrie- und High-Tech-Organisationen im internationalen Umfeld,

Mit über zehn Jahren Erfahrung in und mit China – davon fünf Jahre als Expat vor Ort – verantwortete er in leitenden Funktionen für Schunk, Schmalz und Mercedes-Benz den Aufbau von Produktions- und Engineering-Strukturen in der Halbleiter-, Automatisierungs- und Automobilindustrie. Dabei entwickelte er gemeinsam mit Schlüsselkunden marktspezifische Produktlösungen und realisierte signifikantes Umsatzwachstum.

1. Standortwahl China und strategische Zielsetzung 

Welche Rolle spielt China heute im Footprint deutscher Industrieunternehmen?  

China hat sich in den letzten Jahrzehnten fundamental gewandelt – und diese Entwicklung erklärt, warum es heute eine so zentrale Rolle im globalen Footprint deutscher Unternehmen spielt. Ursprünglich begann der Markteintritt mit einfachen Vertriebsbüros: Man wollte Präsenz zeigen und erste Kundenkontakte aufbauen. Viele Unternehmen erkannten jedoch schnell, dass sie durch lokale Produktion nicht nur Kosten senken, sondern auch schneller auf den Markt reagieren konnten. Diese Phase war stark von Lohnkostenvorteilen und dem Ziel geprägt, den Absatzmarkt effizient zu bedienen. 

In den letzten fünf bis zehn Jahren hat sich das Bild jedoch erneut verändert. China ist längst kein reiner Produktionsstandort mehr, sondern zu einem Entwicklungs- und Innovationszentrum geworden. Unternehmen investieren in F&E-Einheiten, um Produkte für die spezifischen Anforderungen des dynamischen und sehr wettbewerbsintensiven Marktes zu adaptieren. Daraus ist das Konzept „China for China“ entstanden.  

Ich erkenne mittlerweile sogar eine Bewegung in Richtung „Reverse Innovation“: Technologien und Produkte, die in China entwickelt werden, finden ihren Weg zurück nach Europa oder in andere Märkte. Das gilt insbesondere in Sektoren wie Elektromobilität oder E-Commerce, wo China inzwischen globaler Technologietreiber ist. 

Besonders interessant finde ich, dass China inzwischen von vielen ansässigen Unternehmen als „Fitnessstudio“ bezeichnet wird: Wer hier besteht – gegen lokale Wettbewerber, in Bezug auf Kosten, Innovationsgeschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit – der kann es überall auf der Welt schaffen. Für den Mittelstand bedeutet dies eine klare Verschiebung: Der Standort China dient nicht mehr nur zur Marktversorgung, sondern zur Stärkung der globalen Wettbewerbsfähigkeit. Zugleich steigt die Notwendigkeit, Risiken aktiv zu managen. Handelshemmnisse, Exportkontrollen und geopolitische Spannungen erzwingen neue Footprint-Strategien. Deshalb setzen viele Unternehmen auf „China+1“ oder die noch tiefgreifendere Variante „Dual Footprint“ – also abhängig vom konkreten Unternehmen mehr oder weniger autonome lokale Strukturen für China, ergänzt durch zusätzliche Standorte in Südostasien oder Indien, um Abhängigkeiten zu reduzieren. 

Welche Standortfaktoren sind typischerweise ausschlaggebend für den konkreten Standort?  

Nach meiner Erfahrung gelten auch in China die klassischen Kriterien wie technische Infrastruktur, logistische Anbindung oder Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte. Aber es gibt Besonderheiten, die den Unterschied ausmachen. Zentral sind die politisch geförderten Industriecluster. Die Regierung hat gezielt Hubs geschaffen, beispielsweise für Automotive, Elektromobilität, Halbleiter, erneuerbare Energien oder Chemie. Wer dort investiert, profitiert von einem funktionierenden Zuliefernetz, speziellen Infrastrukturen und oft auch von erheblichen Förderprogrammen. Diese Cluster sind also nicht nur ein Standortfaktor, sie sind häufig die Eintrittskarte in den Markt. 

Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Differenzierung zwischen OEMs und Mittelstand. Große OEMs waren früher durch Joint-Venture-Vorgaben oft gezwungen, sich am Standort des Partners niederzulassen. Heute haben sie mehr Freiheiten, dennoch bleibt die Nähe zu etablierten Zuliefernetzwerken entscheidend. Mittelständische Unternehmen gehen häufig anders vor: Ich habe oft erlebt, dass sie sich stark an Referenzen orientieren, also daran, wo andere deutsche Firmen erfolgreich ansässig sind. Netzwerke, persönliche Kontakte und die Erfahrungen anderer Unternehmer wiegen oft schwerer als eine rein zahlengetriebene Standortanalyse. 

Ein dritter Faktor ist die Rolle der lokalen Wirtschaftsförderung. Gerade mittelständische Unternehmen sind darauf angewiesen, dass die Behörden vor Ort aktiv unterstützen – sei es durch Ausbildungspartnerschaften, schnelle Genehmigungsverfahren oder individuelle Betreuung. Ohne diesen Rückhalt wird ein Standortaufbau schnell zur Herausforderung. 

Nicht unterschätzen darf man die Nähe zu internationalen Metropolen. Standorte im Umfeld von Städten wie Shanghai sind besonders attraktiv, weil dort internationale Fach- und Führungskräfte angesiedelt werden können, welche die Nähe zu den Großstädten suchen oder in diesen leben. Außerdem erleichtert es die Integration westlicher Experten, die typischerweise für den Aufbau und die Anlaufphase entsandt werden. 

Interessanterweise sind Transportkosten innerhalb Chinas aus meiner Sicht kein entscheidender Faktor. Anders als in Osteuropa, wo neben den Lohnkosten die Nähe zum Absatzmarkt über Kosten entscheidet, ist das Land durch ein gut ausgebautes Logistiknetz erschlossen. Ob Bahn, Lkw oder Luftfracht – man erreicht praktisch jede Region effizient.

Welche Rolle spielen regionale Industriepolitiken und Subventionen bei der Standortwahl? 

Industriepolitik in China folgt zentralen Vorgaben aus Peking, aber die konkrete Ausgestaltung ist regional sehr unterschiedlich. Provinzen und Städte stehen in einem Wettbewerb um Investitionen, der sich in einem breiten Förderinstrumentarium niederschlägt. Dazu gehören subventionierte Grundstückspreise, Steuererleichterungen, direkte Investitionszuschüsse und Programme zur Talentförderung. Solche Maßnahmen können gerade in der Aufbauphase erhebliche finanzielle Vorteile bringen – sei es beim Erwerb von Land, bei der Anschaffung von Produktionsanlagen oder beim Anwerben qualifizierter Mitarbeiter. 

Ich habe aber auch erfahren, dass Subventionen in China kein Selbstläufer sind und Risiken bergen können: Zusagen können sich verzögern, wenn lokale Kassen knapp sind, und Verträge sind oft weniger detailliert formuliert als in Europa. Dadurch bleibt ein Interpretationsspielraum. In der Praxis bedeutet das für mich: Beziehungen zu den Behörden sind mindestens so wichtig wie die schriftliche Vereinbarung. Das chinesische Konzept des Guanxi – Vertrauen, Respekt sowie langfristige gegenseitige Beziehungen und Verpflichtungen – bestimmt, wie verlässlich eine Förderung am Ende umgesetzt wird.

Unternehmen, die frühzeitig das Topmanagement einbinden, ihre technologische Kompetenz präsentieren und die langfristige Wertschöpfung für die Region verdeutlichen, haben deutliche Vorteile. Wer aufzeigen kann, wie viele Arbeitsplätze geschaffen werden, welche Steuereinnahmen zu erwarten sind und welches technologische Niveau ins Land kommt, erhält nicht nur Subventionen, sondern auch schnellere Genehmigungen und pragmatische Unterstützung in operativen Fragen.

2. Aufbau- und Anlaufphase – Projektmanagement vor Ort  

Was sind Erfolgsfaktoren und typische Fallstricke beim Aufbau eines Standorts in China? 

Erfolgsfaktoren und Fallstricke liegen in China oft dicht beieinander. Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist eine klare strategische Zielsetzung: Warum geht man nach China, welche Rolle soll der Standort langfristig übernehmen – reine Produktion, F&E oder beides? Wer das von Anfang an definiert, kann das Werk flexibel planen und spätere Erweiterungen besser integrieren. Ebenso wichtig ist ein interkulturell besetztes Kernteam. Allein aus Deutschland heraus ein Werk zu steuern, ist nicht realistisch. Lokale Expertise ist unverzichtbar, sei es für Behördenkontakte oder für das Verständnis kultureller Gepflogenheiten. 

Präsenz vor Ort ist ein weiterer Schlüssel. Weder die ausschließliche Steuerung aus der Zentrale noch das blinde Vertrauen in externe Dienstleister funktioniert. Eigene Vertreter – idealerweise aus der Zentrale und aus der lokalen Organisation – müssen den Aufbau begleiten und Entscheidungen aktiv mitgestalten. 

Einer der größten Fallstricke liegt in der Bauphase. Generalunternehmer und EPCM-Dienstleister haben teils eigene Zielvorstellungen, welche nicht denen ihrer Kunden entsprechen. Wer allein auf den preisgünstigsten Anbieter setzt, wird über Nachträge („Change Orders“) teuer bezahlen. Hinzu kommt die Gefahr von Subvergaben und intransparenten Franchise-Strukturen. Deshalb gilt: Referenzen prüfen, das Bauteam persönlich kennenlernen, Budgets mit Puffer versehen und Qualität konsequent überwachen. 

Weitere Risiken sind wetterbedingte Verzögerungen, etwa durch Taifune oder lange Regenzeiten, sowie opportunistisches Verhalten von Bauunternehmen, bei dem Zeitverzug bewusst zur Nachverhandlung genutzt wird. Auch kulturelle Unterschiede, beispielsweise in der Art Kritik zu äußern, können zu Missverständnissen führen. 

Wie gestaltete sich Ihre Zusammenarbeit mit lokalen Behörden, Dienstleistern und Generalunternehmern?  

Die Zusammenarbeit mit Behörden ist in China von zentraler Bedeutung. Das bereits erwähnte Konzept des Guanxi spielt eine wichtige Rolle. Entscheidungen werden häufig nicht im Meetingraum, sondern separat im Nachgang oder beim gemeinsamen Essen getroffen. Wichtig ist, den Behördenvertretern Respekt zu zollen und „Gesicht“ zu geben, beispielsweise durch persönliches Treffen mit dem Topmanagement des Unternehmens. Der Austausch sollte regelmäßig gepflegt werden, auch weil sich Positionen auf Behördenseite ändern können und neue Netzwerke aufgebaut werden müssen.  

Mit Dienstleistern und Beratern ist die Zusammenarbeit meist stärker vertraglich geregelt, dennoch gilt: enge Steuerung, klare Kommunikation und schriftliche Fixierung von Vereinbarungen sind notwendig. Kritik sollte möglichst nicht in großer Runde geäußert werden, sondern im persönlichen Gespräch, sonst droht Gesichtsverlust.  

Bei Generalunternehmern ist die Lage komplexer. Qualität, Transparenz und Kontinuität hängen oft vom konkreten Bauteam ab, nicht nur vom Unternehmensnamen. Daher sollte man Referenzen prüfen, die Teams persönlich kennenlernen, deren Zusammensetzung vertraglich fixieren und auf eine möglichst geringe Subvergabe achten. Vertrauen allein reicht nicht – ständige Präsenz und konsequentes Projektmanagement sind entscheidend.  

Wie haben Sie den Umgang mit kulturellen Unterschieden in Planung, Bau, Inbetriebnahme und Personalführung erlebt?  

Kulturelle Unterschiede prägen den gesamten Projektverlauf. In Deutschland sind wir gewohnt, sequentiell und detailliert zu planen, Risiken früh zu identifizieren und Prozesse klar zu verschriftlichen. In China habe ich ein anderes Verständnis kennergelernt: Entscheidungen werden schneller getroffen, Abläufe sind iterativer, Flexibilität und Pragmatismus stehen im Vordergrund. Risiken werden oft erst adressiert, wenn sie tatsächlich eintreten – dann aber mit bemerkenswerter Geschwindigkeit und Lösungsorientierung. 

Besonders wichtig ist die Kommunikation. Ein direktes „Nein“ hört man in China selten. Stattdessen gilt es, Zwischentöne zu lesen und frühzeitig zu erkennen, wenn Zusagen nicht realistisch sind. Hier hilft nur Präsenz vor Ort und die Fähigkeit, idealerweise auf Mandarin zwischen den Zeilen zu verstehen. Deutsche Direktheit kann in China zu Gesichtsverlust führen, daher sollten Kritik und Korrekturen in vertrauensvollem Rahmen erfolgen. 

Bei der Projektorganisation hat sich meiner Erfahrung nach der Tandem-Ansatz bewährt: Lokale chinesische und zentrale europäische Teams arbeiten paarweise zusammen – Engineering mit Engineering, Produktion mit Produktion, etc. Das schafft Ownership, erleichtert den Know-how-Transfer und sorgt dafür, dass beide Seiten auf Augenhöhe kommunizieren. 

Auch in der Personalführung gibt es Unterschiede. In China wird Autorität erwartet, Eigenverantwortung ist weniger ausgeprägt. Klare Vorgaben funktionieren besser als zu große Freiräume. Führungskräfte sollten sorgfältig ausgewählt und durch finanzielle Anreize, Entwicklungsprogramme und Headquarter-Bindung langfristig gehalten werden. Besonders wirksam sind Trainings im Heimatwerk oder Auslandsaufenthalte, die sowohl Fachkompetenz als auch emotionale Bindung stärken. 

Was bedeutet „China Speed“ konkret – und was können deutsche Unternehmen daraus lernen?  

Den in der Presse vielfach genannten Begriff „China Speed“ würde ich mit beeindruckend hoher Umsetzungsgeschwindigkeit übersetzen. Grundlage sind Pragmatismus, hohe Flexibilität, Fehlertoleranz, große Verfügbarkeit von Arbeitskräften und die Fähigkeit zur schnellen Skalierung. Entscheidungen werden oft vor Ort getroffen, Dienstleister arbeiten im Zwei- oder Dreischichtbetrieb, auch an sieben Tagen pro Woche. Jahresurlaube oder Sommerpausen, wie wir sie kennen, gibt es kaum – einzig das chinesische Neujahrsfest führt zu nennenswerten Stillständen. 

Wenn Sie in China ansässig sind, bedeutet „China Speed“, dass sie als Unternehmen schnell sein müssen, um erfolgreich zu sein. Chinesische Unternehmen sind sehr gut darin, Geschäftsmodelle im Land zu skalieren, wenn das Produkt oder die Dienstleistung funktioniert. Wenn Sie das Tempo dann nicht mitgehen, überholt Sie ein anderer und nimmt Ihnen das Geschäft. 

Diese hohe Geschwindigkeit hat aber auch ihren Preis: Qualitätssicherung ist herausfordernder, Dokumentation weniger streng, Risiken werden erst adressiert, wenn sie eintreten. Trotzdem zeigt sich, wie viel durch konsequente Fokussierung, klare Zielorientierung und Bereitschaft zu pragmatischen Lösungen möglich ist. Ich bin davon überzeugt, dass deutsche Unternehmen von diesem Ansatz lernen können – etwa durch schnellere Entscheidungsprozesse, iterative Projektstrukturen und höhere Fehlertoleranz. Grenzen gibt es dort, wo regulatorische Vorgaben und technische Exzellenz Vorrang haben.

China Speed ersetzt kein durchdachtes Qualitätsmanagement, kann aber Denkanstoß sein: Nicht alles muss von Beginn an perfekt sein – wichtiger ist, ins Machen zu kommen und Dynamik zu erzeugen.

Christoph Hupays, Experte für den Aufbau, die Skalierung und die Leitung komplexer Industrie- und High-Tech-Organisationen im internationalen Umfeld

3. Supply-Chain-Integration und Lokalisierung  

Was sind die Chancen, Herausforderungen und Risiken im Aufbau lokaler Lieferketten? 

Lokale Lieferketten sind in China sowohl Chance als auch Herausforderung. Chancen sehe ich in der Reduzierung von Kosten, kürzeren Lieferzeiten und einer höheren Unabhängigkeit von globalen Handelshemmnissen. In Zeiten zunehmender Exportkontrollen und geopolitischer Spannungen gewinnt dieser Aspekt enorm an Bedeutung.  

Die Herausforderungen liegen in der Qualitätssicherung und/oder EHS-Vorgaben: Lokale Lieferanten sind oft leistungsfähig, aber nicht immer auf dem Standard, den europäische Unternehmen gewohnt sind. Deshalb sind intensive Audits, klare Standards und kontinuierliche Entwicklungspartnerschaften notwendig. Ein Risiko sehe ich zudem in Abhängigkeiten – gerade bei kritischen Komponenten. Fällt ein Lieferant aus, sind Alternativen nicht immer kurzfristig verfügbar. Insbesondere bei Single Sources in geopolitisch sensiblen Regionen wird Abhängigkeit schnell zum strategischen Risiko, sei es durch Exportkontrollen, regulatorische Eingriffe oder operative Störungen.  
Zu beachten sind zudem sektorspezifische regulatorische Vorgaben zur Lokalisierung, die Unternehmen unter Druck setzen können, auch wenn Qualität oder Kosten nicht optimal sind.  

Was waren die kritischen Lokalisierungsanforderungen der chinesischen Regierung?  

Die chinesische Regierung fordert in vielen Branchen eine zunehmende lokale Wertschöpfung. Besonders sensibel sind Schlüsselkomponenten, Software und Daten. Hier gelten Vorgaben zur lokalen Datenhaltung oder zu Mindestanteilen lokaler Zulieferungen. Unternehmen, die diesen Anforderungen nicht gerecht werden, riskieren Wettbewerbsnachteile oder gar den Marktzugang. Zugleich eröffnen sich Chancen: Wer lokale Zulieferer aufbaut und entwickelt, profitiert von Förderprogrammen und verbessertem Marktzugang.  

Ich denke, es ist wichtig, hier die Balance zu wahren: Einerseits die regulatorischen Vorgaben zu erfüllen, andererseits globale Standards und Qualitätsanforderungen nicht zu vernachlässigen. In sensiblen Bereichen wie Halbleiter ist das Spannungsfeld besonders groß. Wichtig ist deshalb eine klare Roadmap: Was kann lokalisiert werden, wo bleiben globale Strukturen unverzichtbar, und wie kommuniziert man dies gegenüber den Behörden? Lokalisierung ist in China kein Nebenthema, sondern integraler Bestandteil der Industriepolitik. Nicht zuletzt fordern auch die chinesischen Kunden eine starke Lokalisierung, um Lieferrisiken aus dem Ausland vorzubeugen. 

Wie gelingt die Balance zwischen globaler Konzernstruktur und lokalen Anforderungen?  

Das ist für mich unternehmenstheoretisch einer der spannendsten Punkte in dem Zusammenhang. Ich bin überzeugt, dass Balance durch klare Rollenverteilung und Vertrauen entsteht. Globale Standards – in Qualität, Compliance, IT-Sicherheit – sind unverzichtbar und müssen konsequent gehalten werden. Gleichzeitig braucht es lokale Freiräume, um regulatorische Vorgaben und Marktanforderungen pragmatisch umzusetzen. Erfolgreich ist, wer Strukturen so aufstellt, dass lokale Teams Verantwortung übernehmen und sich mit der Einheit identifizieren. Tandem-Modelle helfen auch hier: globale Experten arbeiten eng mit lokalen Mitarbeitern zusammen, um Standards zu sichern und lokale Anpassungen realistisch zu gestalten. Kommunikation ist der Schlüssel – Prozesse müssen zweisprachig dokumentiert und transparent gehalten werden.  

Ebenso wichtig sehe ich gegenseitiges Verständnis: Die Zentrale darf lokale Anforderungen nicht als Abweichung vom Standard betrachten. Es ist schlichtweg Teil der Realität in China. Umgekehrt muss das lokale Team verstehen, dass gewisse Standards nicht verhandelbar sind. So entsteht durch Interessensausgleich ein Gleichgewicht, das weder in Richtung reiner Zentralsteuerung noch in Richtung völliger Autarkie kippt.

4. Politisch-regulatorisches Umfeld und strategische Implikationen  

Wie gehen Unternehmen mit regulatorischen Anforderungen um? 

Regulatorische Anforderungen in China sind vielschichtig: von Joint-Venture-Verpflichtungen in der Vergangenheit über Zertifizierungen, Exportkontrollen und Datenschutzvorgaben bis hin zu lokalen Umweltauflagen.  

Der Schlüssel zum Umgang damit ist zweifach: Erstens eine vorausschauende Compliance-Strategie, die bereits in der Planungsphase Szenarien berücksichtigt. Zweitens enge Zusammenarbeit mit lokalen Behörden, um Interpretationsspielräume pragmatisch zu nutzen. Zertifizierungen oder Abnahmen dauern häufig länger als erwartet, lassen sich aber durch frühzeitige Einbindung und gute Beziehungen beschleunigen. Daten- und Exportvorgaben erfordern technologische Lösungen, etwa durch lokale Rechenzentren oder dedizierte Lieferkettenstrukturen.  

Ich rate aber dazu, die Komplexität nicht zu unterschätzen: Vorschriften ändern sich häufig kurzfristig, die konkrete lokale Umsetzung von Zentralvorgaben aus Beijing kann sich je nach Standort unterscheiden, die Verbindlichkeit ist geringer ausgeprägt als in Europa. Deshalb sind Flexibilität und ein aktives Stakeholder-Management entscheidend, um regulatorische Risiken zu managen und handlungsfähig zu bleiben. 

In welchem Maße ist Lokalisierung notwendig?  

Lieferanten, Personal und Verwaltung müssen stark lokal verankert sein, um handlungsfähig zu bleiben. Ein reines Expat-Modell funktioniert nicht – die Organisation braucht lokale Führungskräfte, die den Markt verstehen und Netzwerke einbringen. Gleiches gilt für Lieferketten: Unternehmen, die ausschließlich importieren, stoßen an regulatorische Grenzen und verlieren Wettbewerbsfähigkeit.  

Auch in der Verwaltung, von HR über Finanzen bis hin zu IT, ist Lokalisierung gefordert, nicht zuletzt aus Gründen der Datenhaltung. Gleichzeitig bleibt die Einbindung in globale Strukturen wichtig. Das Ziel ist aktuell zumindest also nicht vollständige Eigenständigkeit, sondern eine auf Reduzierung von Abhängigkeiten ausgerichtete Verzahnung: lokal tief verwurzelt, global angebunden.

Lokalisierung ist in China keine Option, sondern eine Notwendigkeit – davon bin ich überzeugt.

Christoph Hupays, Experte für den Aufbau, die Skalierung und die Leitung komplexer Industrie- und High-Tech-Organisationen im internationalen Umfeld

Welche Szenarien werden in Bezug auf geopolitische Spannungen durchgespielt? 

Geopolitische Spannungen – sei es zwischen China und den USA, im Kontext Taiwan oder durch Exportkontrollen – sind für Unternehmen mit Präsenz in China längst Alltag. Deshalb werden Szenarien systematisch durchgespielt: von verschärften Zöllen über Sanktionen bis hin zu Lieferkettenunterbrechungen. Typische Maßnahmen sind die Identifikation alternativer Zulieferquellen (vorbenanntes „China+1“), Aufbau zusätzlicher Lagerbestände, Diversifizierung von Absatzmärkten und rechtliche Absicherung sensibler Technologien.  

In den letzten Jahren wird – in der Regel aus der deutschen Unternehmenszentrale heraus – verstärkt über eine vollständige Entkopplung der chinesischen Entität nachgedacht, bis hin zu den internen IT-Systemen, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. 

Was aus meiner Sicht für die allermeisten Unternehmen aber keine Option darstellt, wäre ein vollständiger Marktaustritt aus China (so wie seit 2022 vielfach in Russland geschehen, Anm. d. Red.). Dafür ist der Markt schlichtweg zu groß, zu wichtig und zu dynamisch. 

Wie bewerten Sie China im Kontext einer „China+1“- oder „Dual Footprint“-Strategie?  

Die geopolitische Lage zwingt die Unternehmen zu Anpassungen in der Standortstrategie. „China+1“ bedeutet aus meiner Sicht, dass Unternehmen zusätzliche Kapazitäten in einem weiteren Land aufbauen – häufig in Südostasien, etwa in Vietnam, Thailand oder Indonesien, manchmal auch in Indien oder Mexiko. Ziel ist es, Abhängigkeiten zu reduzieren, ohne den chinesischen Markt aufzugeben. Man bleibt in China aktiv, ergänzt das Setup aber um einen zweiten Standort, der Flexibilität und Resilienz schafft. 

Der „Dual Footprint“-Ansatz geht noch einen Schritt weiter. Hier trennen Unternehmen ihre Strukturen: Sie bauen eine eigene Wertschöpfungskette für den chinesischen Markt auf („China for China“, inklusive R&D und IT) und unterhalten gleichzeitig separate Kapazitäten für den Rest der Welt. Damit können sie besser auf regulatorische Unterschiede reagieren – zum Beispiel bei Exportkontrollen, Datenhaltung oder Zertifizierungen – und vermeiden, dass Probleme in China direkt auf das globale Geschäft durchschlagen. 

Beide Modelle erhöhen Komplexität und Kosten, aber sie sind Ausdruck einer neuen Realität. Ich denke, dass Unternehmen, die langfristig erfolgreich sein wollen, Diversifikation strategisch verankern müssen.

China bleibt wichtig, aber nicht exklusiv. Unternehmen brauchen mehrere Standbeine, um im Krisenfall deutlich handlungsfähiger zu sein.

Christoph Hupays, Experte für den Aufbau, die Skalierung und die Leitung komplexer Industrie- und High-Tech-Organisationen im internationalen Umfeld
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Dr.-Ing. Kai Philipp Bauer

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Kai Philipp Bauer studierte Maschinenbau mit Schwerpunkt Produktionstechnik und ist seit über 15 Jahren in der Beratung tätig. Er berät seine Klienten insbesondere in Fragen der Strategieentwicklung, des Operations Managements und der digitalen Transformation.

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